HeRaS Verlag

 

 

 

 

 

Ich wurde am 15. April 1946 als ältestes von 5 Geschwistern in Cuxhaven geboren, wo mein Vater während des Krieges und zuvor als Funker bei der Kriegsmarine stationiert und dann in der Cuxhavener Stadtverwaltung angestellt war. Trotz Warnungen der Verwandten gingen meine Eltern mit mir im Oktober 1946 nach Herrnhut in der Oberlausitz, in die Heimat meines Vaters in der sowjetischen Besatzungszone. Dort war die Wohnung meiner Großmutter mütterlicherseits frei geworden. Die einquartierten Flüchtlinge hatten woanders Zuflucht gefunden. In Cuxhaven hätte ich wohl bei den erbärmlichen Wohnungsverhältnissen meiner Eltern das erste Jahr nicht überlebt. In Herrnhut, Gründungsort der evangelischen Brüdergemeine Anfang des 18. Jahrhunderts (Moravian Church), verlebte ich glückliche erste Kinderjahre, war ab dem 2. Lebensjahr mit meinen Freunden im Kindergarten zusammen und stolz über meine Zugehörigkeit zu der Herrnhuter Brüdergemeine.

 

Mein Vater musste aus politische Gründen seine Stelle beim Amtsgericht kündigen und begann in Wittenberg ein Studium am Predigerseminar. Inzwischen waren meine beiden Schwestern geboren. Meine Mutter arbeitete, meine Großmutter war für uns Kinder da. Um diese zu entlasten, wurde ich von Februar 1951  bis Juli 1952 in ein kleines Heim einer Cousine meiner Mutter im Schwarzwald gegeben. Ich lebt dort in großer Freiheit und fühlte mich so ungeborgen wie vorher in der Enge der herrnhutischen Errziehung geborgen. Statt meine Großmutter, meine Mutter und Jesus war es nun der Teufel, der auf mich achtet, der allerdings schon vorher in meinen Träumen sein Unwesen getrieben hatte. Zur Einschulung im Herbst 1953 durfte ich nach Herrnhut zurück und hatte wieder meine alten Freunde aus dem Kindergarten. Allerdings musste ich mich nach dem ungebundenen Leben bei meiner Tante sehr an die Schule gewöhnen. Der ältere meiner beiden Brüder wurde geboren. Wie groß war mein Entsetzen, als ich Ende des Schuljahres hörte, dass wir nun alle Herrnhut verlassen müssten! Mein Vater tratt 1953 seine erste Amtsstelle in Sylda bei Mansfeld im Süd-Vorharz an, wo mein jüngster Bruder in Aschersleben geboren wurde. Welche Enttäuschung erlebte mein Vater nach der geistlichen Erneuerungsbewegung in Herrnhut!

 

Wir zogen 1960 in die Gegend zwischen Halle/Saale und Eisleben, wo mein Vater seine zweite Amtsstelle inne hatte. Er sollte noch oft seine Wirkungsstätte wechseln, bis er nach seiner Amtsentlassung als Wiedergetaufter eine eigene, von den DDR Behörden genehmigte Gemeinde gründete und später mit meiner Mutter als freier Prediger der charismatischen Bewegung überall in Deutschland unterwegs war. Ich ging von 1960 bis 1964 in Halle an den Franckeschen Stiftungen zur Oberschule, machte mein Abitur, studierte von 1964 bis 1968 an der Berliner Humboldt-Universität Germanistik und Kunsterziehung. Lieber hätte ich Kunst studiert, traute mir das aber nicht zu. Mit wurde klar, dass ich als Lehrer nicht arbeiten wollte, es sei denn, man gäbe mir eine Chance, in der Praxis auszuprobieren, was für Möglichkeiten ich hätte, und welche Grenzen mir politisch gesetzt würden um mich danach zu entscheiden. Dies war natürlich nicht möglich. So jobbte ich 2 Jahre in Ostberlin und bekam dann eine Anstellung als Bildredakteur bei ADN-Zentralbild, der staatlichen Nachrichtenagentur, was ich als eine politisch vertretbare Arbeit ansah. Ich war bei Zentralbild geistig nicht im geringsten gefordert.

 

Auf Rat meiner lebenslangen Freundin Sibylle Hentschel, in Babelsberg ausgebildete Drehbuchautorin, malte ich. Dann entdeckte sie, dass ich schreiben konnte. Schließlich gab ich meine ersten Geschichten dem Aufbau Verlag, der Lektorin von Christa Wolf. Ich wurde vom Aufbau Verlag, wie andere junde Autoren gefördert. 1979 kam mein erster Erzählband "Jenseits der Allee" heraus und fand ein gutes Echo. Meine Lektorin machte mir klar, dass ich mich nur freiberuflich als Autorin entfallten könne. So wurde ich 1978 freischaffend. Meine Lektorin setzte mich an einen Roman über meine Kindheit. Sie war nach "Kindheitsmuster" von Christa Wolf darauf aus, weitere derartige Projekte zu fördern. Der Sprung von Kurzgeschichten zu einem solchen Roman war schwer. Sieben Jahre brauchte ich und drei Fassungen, ehe der Verlag mit dem Roman "Nest im Kopf" zufrieden war.

 

Inhaltlich bin ich nie unter Druck geraten. Nach der Wende probierte ich aus, ob ich als Lehrerin Geld verdienen konnte. Da ich aber keinerlei Praxis hatte, scheiterte ich, war wiederum auch froh, weil ich noch einiges zu erzählen hatte. 1995 fand sich noch einmal ein Verlag für zwei meiner Romane. Dann kam ich 2006 auf einen Berliner Book-on-demand-Verlag, der alle meine weiteren Romane veröffentlichte und dazu zwei Romane, die schon 1995 erschienen waren. Finanziell kam ich irgentwie durch die Zeit nach der Wende. Unter anderem bekam ich neben Stipendien Pflegegeld für mein Freundin Sibylle Hentschel, die psychisch krank war. 2006 ging sie in ein Heim , blühte auf, war Jahre glücklich dort. In den letzten eineinhalb Jahren nahmen die körperlichen Beschwerden zu . Am 20. Januar 2013 starb sie ganz plötzlich, wurde vor Siechtum bewahrt. Einige meiner Romanstoffe verdanke ich ihrem Leben, ihren Erzählungen.  

 


 Bei uns erschienen:

 

Die Zeitungen berichteten in dieser Woche von einem Mord im Park. Eine junge Frau war erwürgt worden. Gesucht wurde eine männliche Person, die ihr über Monate nachgestellt hatte, ein sogenannter Stalker. Es musste einen Kampf gegeben haben, bei dem der Stalker erheblich verletzt worden war.

Die Suche wurde nach Monaten ohne Ergebnis eingestellt. Einmal behauptete eine Frau, des Nachts Tanja gesehen zu haben. Sie hätte sich furchtbar erschrocken. Da sie aber unter Alkoholeinwirkung stand, glaubte ihr niemand, und am Ende schob sie selbst Tanjas Erscheinen auf den Alkohol. (Aus „SEIN TRAUM“)

Üblich beginnen Mördergeschichten mit der Tat, der Leser nimmt an den Ermittlungen Teil und am Ende steht der Täter fest. Nicht so in den achtzehn Geschichten mit Mördern und ohne Polizei von Beate Morgenstern in dieser kleinen Sammlung. Hier erleben wir eine Entwicklung; die Tat steht am Ende.

Intelligent, überraschend, nie langweilig.

 


 ... Das erste Mal durchzuckte sie Gewissheit, als sie auf einem Foto von der Überführung seinen verstümmelten Namen auf einem der Särge las: Srembery. Johanna hatte tagelang mit den Filmen zu tun, den letzten, die Armin belichtet hatte, und mit denen von der Überführung. Das zweite Mal geschah es, als Johanna sagte: Wenn sie seinen Schreibtisch ausräumen. Und nun hatte sie ihn auch tot gesehen.

Doch selbst diesem Beweis schenkte sie nicht lange Glauben. Am Tag betrat er ihr Zimmer. Er blieb in ihrem Rücken stehen. Sie überlegte, ob er jetzt überall in den Wohnungen auftauchte. Eine kleine Weile noch. Später ginge er vielleicht nur zu seiner Mutter, die sich nie trösten würde.

Aus der Erzählung „Unerwartet“ 

 


In Gottshut scheint die Welt noch in Ordnung. Oben ist Gott. Unten leben die Menschen miteinander in Ehrfurcht vor Gott und in Furcht vor dem Bösen. Diese Welt kommt dem Kind Anna schon bald in Unordnung. Die Eltern ziehen um in ein Dorf im Mansfeldischen. Anna findet sich schwer zurecht. Hier ist sie nicht mehr eine von vielen, sondern »die Paschterin«. Hartnäckig versucht sie, die Barrieren zwischen Dorf und Pfarrhaus zu überwinden.

Als Erwachsene erinnert sich Anna jener Zeit, der fünfziger Jahre, und der Vorgänge im Land, die sie aus der besonderen Sicht eines Kindes wahrnahm, das fernstand. Sieben Tage ist Anna zu Besuch in Gottshut: sieben Tage des Erinnerns und der Begegnungen. Es zeigt sich ihr eine vertraute Welt, die aber nicht mehr ihre ist, und so erlebt Anna Nähe und Distanz, Verwurzelung und Entfremdung in einem. Gottshut, wie sie es im Kopf hat, gibt es nicht. 

Die Printversion finden Sie im trafo Literaturverlag, Berlin: www.trafoberlin.de

 


 

Sieben Jahre sind es her, seit Walja am 11. September 2001 ein letztes Lebenszeichen nach Deutschland schickte. Es war eine Ansichtskarte vom World Trade Center . Die vereinbarte Zeit des Schweigens ist abgelaufen. Nun darf erzählt werden, wie ihre verhängnisvolle Geschichte an einem Juniabend 1989 im Club der Kulturschaffenden Berlin-Mitte begann, als sie sich mit Schriftstellerkollegen zum Stammtisch traf und die Kulturschaffenden in die Fänge des gewaltigen Herrn Natasian gerieten. Die Begegnung bleibt nicht ohne Folgen. Nicht für die dreizehn und möglicherweise auch nicht für die inzwischen längst vergangene Kleinrepublik, die sich Sozialistische Räterepublik Nemezie nannte. Der Romai ist eine Verbeugung vor dem Dichter von "Meister und Margerita" Michail Bulgakow.

 

 Burkards Susanne, der bunte Hund im sächsischen Euba, angeblich auf der Kirchenschwelle abgelegt, will Kindern wie Erwachsenen beweisen: Sie ist trotzdem wer. Augen hat sie zu sehen, Ohren zu hören. So bekommt das Kind Grausames und Komisches mit, das sich in den Kriegs- und Nachkriegsjahren zuträgt. Susanne wird selbst tief in das Geschehen verwickelt, erbeutet Munition und Nahrung. Ich bring dir schon!, sagt sie zur Mutter. Der Vater ist im Krieg und wird danach in ein sowjetisches Lager abtransportiert. Als man 1990 ein Massengrab im Mecklenburgischen Fünfeichen entdeckt, wird die jetzt 52-Jährige zutiefst erschüttert.

Die Kindheit, in der sie voller Sehnsucht nach dem Vater lebte, bricht auf. In den Feldpostbriefen vergaß er nie: Viele Küsse für mein Butzemännchen.

 

Als der „Zivi“ Georg bei Susanne Burkard auftaucht, ein Geiger, der im nächsten Jahr an der Weimarer Musikhochschule studieren wird, steigen in der, inzwischen 54-Jährigen Bilder auf, wie sie einst jung war und für die Kunst brannte. Vom sächsischen Euba unternahm sie Fahrten in die Westberliner Kinos, lernte den Produzenten Atze Brauner kennen und wurde endlich 1959 an der damals noch jungen, heute legendären Babelsberger Filmhochschule aufgenommen. Dozenten wie Studenten waren in Villen bekannter Ufa-Schauspieler und Industrieller untergebracht, Die Villa am Griebnitzsee, in der 1945 Stalin während des Viermächtetreffens gewohnt hatte, ein Zentrum der Hochschule. Trotz aller Zwiespältigkeit erlebte Susanne in Babelsberg vier wundervolle Jahre. Die „Ankunft“ im Alltag der Ernüchterung, ließ nicht auf sich warten, Susanne erzählt dem jungen Mann, zunehmend auch sich selbst. Beim Abschied Georgs am Ende seines Zivildienstjahres ist Susanne, als sei sie selbst noch einmal auf dem Weg.

 

 

Bauer Friedrich Luther, Jahrgang 45, vermutlich Nachkomme der Familie des Reformators und im Land zwischen Wittenberg, Eisleben und Mansfeld lebend, erzählt Jahre nach der Wende seinem Freund, wie sich das Dorf entwickelte, nachdem »Jerards« Clan vor der Kollektivierung 1958 in den »Westen machte«, und wie Friedrichs Vater seinen nach »natürlichen Grundsätzen« bearbeiteten »Garten Eden« vor dem Zugriff der Genossenschaft rettete. Friedrich redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, munter, humorvoll in Umgangssprache, in die Mansfelder Dialekt einfließt.

 

 

 

Eine Tänzerin nach der anderen stürzt sich liebeshungrig in Rosalias Arme. Spät ist sie zur Erkenntnis ihrer wahren Bestimmung, ihres wahren Glücks gekommen. Nichts weniger wünscht sie sich als das Dasein einer lesbischen Troubadoura. Doch auf der Suche nach der Einzigen findet sie im Laufe der Jahre kaum noch begehrenswerte Damen. Als die Mauern in Ostberlin fallen und die Freiheit angebrochen ist, schöpft sie erneut Hoffnung.

 

 

Liebe hat sich Lena anders vorgestellt.

Sie lebt im Ostberlin der achtziger Jahre zwischen zwei Männern. Für den einen fühlt sie sich verantwortlich, dem anderen, verheirateten Mann ist sie sexuell verfallen. Noch fürchtet sie, von ihrem Geliebten verlassen zu werden wie all die anderen Frauen vor ihr. Allmählich wünscht sie sich, dass das Warten auf einen Anruf von ihm, auf sein plötzliches Erscheinen aufhört. Dann greift die Wende in ihr Leben ein, macht manches schwerer, anderes leichter.

 

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